Gerald Reischl (@geraldreischl) hat eine Runde von 10 österreichischen Twitterern (@boomblitz, @digiom, @georgholzer, @geraldbaeck, @heinz, @markus1105, @NickyBaeck, @Philoponus, @rupprECHT, @werquer) eingeladen, mit ihm gemeinsam eine Vorstellung von Anna Maria Krassniggs Inszenierung des von ihr selbst dramatisierten Daniel-Kehlmann-Romans Ruhm in Reichenau zu besuchen und während der Vorstellung zu twittern. Über das Projekt hat Gerald Reischl vorab schon im Kurier geschrieben, und aus der Runde der Twitterant/inn/en gibt es schon drei spannende Blogposts zu dem Thema: Wer braucht schon Literatur auf Twitter? von Nicole Bäck-Knapp, Das ist nicht der #Ruhm der Mobilfunker von Werner Reiter und Christian Köllerers Rezension des Romans von Kehlmann.
Es hat im Twitterversum schon öfter den Versuch gegeben, Theater zu spielen; zu den erfolgreichsten Versuchen zählt sicher die Adaption von Romeo and Juliet durch die Royal Shakespeare Company, die Nicky Bäck in ihrem Post erwähnt.
Was aber macht das Medium Twitter reizvoll für dramatische Künstler? Ich glaube, es ist zunächst einmal die Struktur der Texte. Rein formal hat die Timeline die Form eines Dramas:
Person 1: Text
Person 2: Text
usw.
Nur leider lässt bekanntermaßen die literarische Qualität der Texte in der Timeline häufig zu wünschen übrig. Und auch wenn sich zuweilen kleine Reality-Mini-Dramen zwischen zwei oder mehreren Twitteraten abspielen, meistens in der Form einer @reply Sequenz emotionalen Inhalts, geht deren Qualität kaum über die eines durchschnittlichen Alltagsgezwitschers hinaus.
Aber wir wäre es, wenn plötzlich der folgende Kurz-Dialog in der Timeline auftauchen würde:
@Medvedenko: Warum ziehst du immer schwarze Sachen an?
@Masha: Aus Trauer um mein Leben. Ich bin unglücklich.
So beginnt Anton Čechovs Möwe, und der Unterschied zum Gesprächsgeplätscher (© my Mrs. Columbo) auf Twitter ist sofort ersichtlich. In dem Stück geht es andauernd um die Liebe, und die ist immer existentiell. Könnte ein Twittertheater so etwas leisten? Und kann man ersthaft, nachdem man Jürgen Goschs Möwe-Inszenierung gesehen hat, darüber nachdenken, dieses Stück auf Twitter zu „spielen“?
Twitter hat gegenüber dem Theater einige entscheidende Nachteile, deren hervorstechendster die fehlende körperliche Präsenz von Schauspieler/inn/en ist. Dennoch, wäre es nicht denkbar, dass sich inmitten all des Hintergrundrauschens der Timeline eine neue dramatische Kunstform entwickelt? Auch das Hörspiel konnte erst entstehen, als es die technische Möglichkeit der Tonaufzeichnung gab. „Wir brauchen neue Formen“ fordert Konstantin in der Möwe und langweilt sein Publikum mit einem avantgardistischen Theaterexperiment.
Man kann den Gedanken der Twitter/Theater Möglichkeiten weiterspinnen: Der Avatar als Maske. Der Regisseur als einer, der von einem Meta-Account immer wieder Regieanweisungs-Tweets dazwischenplärrt. „Einheit der Zeit“ – die im Stück vergangene Zeit und die in Wirklichkeit vergangene sind identisch (wie schon im antiken Theater und in der nicht ganz so antiken TV-Serie 24). Deklariertes Theater ist möglich, also angekündigtes mit Beginnzeit, Besetzungsliste und Hashtag, oder unsichtbares Theater in der Tradition Augusto Boals. Und der gute alte V-Effekt wäre, brav brechtisch, jedenfalls von vorneherein sichergestellt.
Morgen (Freitag, 16.07.2010) Abend wird aus Reichenau jedenfalls erstmal ganz sichtbar und angekündigt aus dem Publikum getwittert, Hashtag ist #ruhm. Wir Twitterer sind (noch?) keine Theatertruppe, Theater wird morgen ganz traditionell auf der Bühne von den Profis gespielt. Und wir werden – schon aus urheberrechtlichen Gründen – natürlich keine Kehlmann-Texte twittern. Aber wir werden Bezug nehmen auf das Stück und auf die Aufführung. Und ich werde persönlich den Beweis dafür liefern, dass Twitter das Theater tatsächlich ortsunabhängig macht. Weil ich nämlich wegen der Sommergrippe nicht mitfahren kann nach Reichenau und vom Bett aus twittern werde. Ich bin immer sehr theatralisch, wenn ich krank bin.
